Philopraxis

Philosophische Praxis - Beratungen, Coachings und Supervisionen im Sokratischen Dialog

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Wahrnehmung = Wahr-Nehmung?

Wahrnehmung - missverstanden als Wahr-Nehmung - erfolgt, indem Sinnesreize einem individuellen geistigen Verarbeitungs- und Bewertungsprozess unterzogen werden. Deswegen gelangen Menschen zu sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen, Bewertungen und Empfindungen des Wahrgenommenen.

Jeder Mensch lebt also in seiner eigenen Wahrnehmungs- und Gefühlswelt. Jeder Mensch wird also auch erlebte Situationen ebenso wie das Leben selbst spontan sehr unterschiedlich empfinden, wahrnehmen und bewerten.

Die trostlos-traurige, schaurige Schlussfolgerung, deswegen könne es auch überhaupt keine Wahrheit und nichts objektiv Erkennbares geben, liegt zwar im Trend – jeder und jede meint, dies jeder und jedem erklären zu müssen, wahrscheinlich weil er oder sie sich selbst für besonders schlau hält oder genau merkt, dass die Behauptung nicht stimmt, dass er oder sie aber nur so sein eigenes Wollen durchsetzen kann.

Und – erstaunlich genug – diese von jeglichem Sinn befreite Meinungswiedergabe wird hoffiert wie des Kaisers neue Kleider.

Der Satz: Es gibt keine Wahrheit, weil es gar keine Wahrheit geben kann, ist ein Irrtum, ein Zirkelschluss, ein circulus vitiosus. Und gefährlich. Denn diese These öffnet jeglicher Tyrannei und Gewaltherrschaft Tür und Tor, weil jegliche Diskussion und jeder Diskurs dann völlig sinnlos wäre. Ein Sieg der Streitkunst: Weil ohnehin wahr nicht von unwahr unterschieden werden kann, sage ich, was ich will: heute dies, morgen das Gegenteil. Und vor allem: Ich mache was ich will und erzähle anschließend ein schönes Märchen.

Dich gibt es gar nicht.
Mich gibt es auch nicht.
Die ganze Erde und das ganze Universum gibt es nicht.
Und Schweine können fliegen!

Trost bietet die Selbstanwendung der Leugnung der Wahrheit: Wenn es keine Wahrheit gibt, kann auch der Satz: "Es gibt keine Wahrheit" nicht wahr sein.

Die meist von einer selbstsüchtigen Absicht geleitete Behauptung von der Wahrheit, die es nicht gäbe, ist uralt und seit bald 2500 Jahren widerlegt. Sie entspricht dem Zustand des Menschen vor wissenschaftlichem Denken, vor jeder Philosophie und Demokratisierung. Denn darin liegt ja gerade die Aufgabe der Philosophie, der Liebe zum Wissen und zur Weisheit: Bei aller Mannigfaltigkeit der Sinneseindrücke, der Erzählungen, der Meinungen, der Gefühle und Eindrücke nach wirklich Erkennbarem, nach Wahrem zu suchen.

Natürlich gibt es Wahrheit. Natürlich ist Wahrheit erkennbar. Wir müssen nur nach ihr suchen, dann werden wir auch Wahrheit finden. Wofür sonst besitzen wir Menschen schließlich Verstand und Vernunft, wenn nicht dazu, uns ein wahrhaftiges, wertvolles Leben zu ermöglichen!?

 

Autor: Michael Gutmann
Berlin